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Explosionsunglück 16. Juni 1945

Seit 70 Jahren haben wir in Deutschland keinen Krieg mehr erleben müssen. Wenn wir aus dem Blickwinkel der deutschen Geschichte an die Schlagworte "Krieg und Frieden" denken, so drängen sich sofort die Schreckensbilder des 2. Weltkrieges von Zerstörung, Tod und Leid auf.

Krieg und Frieden waren im Juni 1945 Begriffe, die noch dicht zusammen lagen. Der Krieg war beendet und Frieden sollte nun den Menschen gegeben sein bis zu dem Tag als die Sarstedter glaubten, ist der Krieg vielleicht doch noch nicht beendet?

Der 16. Juni 1945, ein Sonnabend, es war ein warmer Frühsommertag, als zwischen 9.00 Uhr und 10.00 Uhr Stimmen des Krieges noch einmal mit furchtbarer Deutlichkeit aufbrüllten und die Stadt und ihre Bewohner für mehr als sechs Stunden erzittern ließ.

An jenem Sonnabend morgen gab es in den Sarstedter Bäckereien zum ersten Mal nach dem Krieg Hefe, und viele Kinder wurden geschickt ein Quentchen dieses so rar gewordenen Triebmittels für den Haushalt zu kaufen.

Es war um 9.20 Uhr als eine gewaltige Explosion die Mauern der Häuser in Giebelstieg erbeben ließ. Wenige Minuten später folgte die zweite, noch stärkere Expolosion, und eine hohe Feuersäule stieg hinter den Häusern der Schillerstraße und Goethestraße in den Himmel. Fast gleichzeitig wirbelten riesige Eisenteile von Kesselwagen, ganze Wagenräder und andere Eisenbahnteile durch die Luft, landeten an Hausmauern, in den Straßen und weit in der Feldmark. Fensterscheiben gingen weit und breit zu Bruch und die Bevölkerung geriet in Panik und Angst.

Was war geschehen? An diesem 16. Juni 1945 um 9.20 Uhr explodierte beim Einfahren in den Sarstedter Bahnhof auf Gleis 2, Streckenkilometer 18,6, der Munitionswaggon einer Tenderlok aus Hildesheim. Die Tenderlok der Baureihe 86 107 fuhr an diesem frühen Vormittag aus dem Bahnhof in Hildesheim quasi in ihr Unglück hinein. Die Güterzuglok hatte einen mit Munition belandenen gedeckten Günterwaggon angekoppelt und führte außerdem einen Gepäckwagen mit. Lokführer und Heizer sollten Ersatzteile aus Hannover-Leinhausen holen. Eine Gruppe von Fahrgästen, die seit längerem in Hildesheim festsaß, fuhr im Gepäckwagen nach Hannover mit, von wo man sich einen besseren Anschluss erhoffte.

Ein Opernsänger, Hendricus Valster aus Rotterdam, befand sich unter den Reisenden. Auch die Eisenbahnerfamilien Heuer und Niehus aus Rumberg mit ihren Kindern. Die Familie Landwehr aus Bielefeld, der Handelsvertreter Gustav Sander aus Ballenstedt mit Frau und zweijährigen Sohn waren dabei. Unter anderem hatte sich der Gruppe auch die 34jährige Else Holle aus Springe mit ihren drei minderjährigen Töchtern angeschlossen. Dabei auch der 54jährige Hildesheimer Fahrdienstleiter Karl Heitmann, Reichsbahnobersekretär Gustav Denecke, Reichsbahnoberrat Werner Becker und die 51jährige Hausfrau Paula Trurmit aus Diekholzen.

Die meisten der männlichen Fahrgäste, ob einzeln reisend oder mit der Familie, standen im Dienst der Reichtsbahn und waren während des Krieges von Berufs wegen in den Sudentengau abkommandiert worden. Jetzt befanden sie sich auf dem Heimweg. Dankbar und froh über die Mitfahrgelegenheit in dem improvisierten Zug machten es sich die 26 Personen in dem Waggon bequem, während ihr Zug in Richtung Sarstedt rollte.

Völlig arglos gegenüber den Geschehnissen, die sich wenig später für ein ganzes Leben einprägen sollten, rollten Lokführer Karl Bornemann und Heizer Hermann Schwerdtfeger gegen 9.00 Uhr auf ihrer Lok G 81 mit angehängtem Waggon in Rückwärtsfahrt von Nordstemmen nach Sarstedt, um dort eine Arbeitskolonne abzusetzen. Die Zeiger der Bahnhofsuhr rückten auf 9.15 Uhr, als Lokführer Bornemann und Heizer Schwerdtfeger ihre Mission beendet hatten. Ehe sie wieder auf das Hauptgleis kamen, schickte sie der Fahrdienstleiter auf Warteposition kurz vor dem Bahnhofsstellwerk, da, so wurde signalisiert, erst noch ein außerplanmäßiger Zug aus Hildesheim durchkommen würde.

Es war dann gegen 9.20 Uhr als die Lok mit zwei Waggon am Bahnübergang in Giebelstieg vorbei ratterte. In diesem Augenblick brach die Hölle los. Die Druckwelle einer ungeheueren Expolosion presst den Schrankenwärter Alfred Rösener sen. nach vorne über die Kurbelanlage und raubt ihm den Atem. Was er sieht, ist grauenhaft. Die tonnenschwere Dampflok ist aus den Schienen gehoben und liegt schräg auf dem Hauptgleis 2. Von den Menschen im Zug hat keiner überlebt. Die Leichen liegen stark verstümmelt zwischen den Trümmern des Zuges und des verbogenen und aufgerissenen Bahnkörpers.

Ein Bild des Grauens und Schreckens an diesem warmen Frühsommertag.

In Giebelstieg und im nahen Bahnhofsbereich liefen schreiende Menschen aus den Häusern, sie sind wie betäubt, bevor sie begreifen was passiert ist. In der Voss-Straße wird die Hausfrau Wilhelmine Hartmann von einem Schrapnell, einem Sprenggeschoss, tödlich getroffen. Sie war auf dem Weg zum Einkaufen. Marie Senft, die vor ihrem Haus Auf der Kassebeerenworth stand und nach den Kindern sehen wollte wurde von einem umherfliegenden Eisenstück derart getroffen, das sie schwer verletzt in ein Hildesheimer Krankenhaus eingeliefert werden musste, wo sie bereits um die Mittagszeit verstarb. In der Schillerstraße, direkt an der Bahnlinie, wohnte Pauline Pacyna im Haus Wiecorek. Das Haus in dem sie wohnte war durch den Detonation zerstört, es brannte ringsum. Sie konnte sich nicht mehr rechtzeitig aus dem Haus retten und starb in den Flammen.

Zwei weitere Todesopfer waren zu beklagen. Der Landwirt Heinrich Peters aus Giften und sein jung verheirateter Sohn wurden auf der benachbarten Wiese des Unglücksortes beim Heumachen von Granaten zerfetzt. Die Pferde gingen durch und kamen mit dem Fuhrwerk und den beiden toten Landwirten darauf auf dem Bauernhof in Giften an.

Im Haus Plaß in der Schillerstraße wird die Leiche des schon vorher verstorbenen auch auch schon aufgebahrten Plaß sen. vom einstürzenden Gestein verschüttet und verbrennt im nachfolgenden Feuer. Im Haus Wesoly in der Schillerstraße wird eine schwangere Frau von den Trümmern getroffen und erliegt später ihren Verletzungen.

Auch zahlreiche Verletzte gab es an diesem Tag. So verlor eine junge Frau in der Schillerstraße, nachdem sie das brennende Haus mit ihrem kleinen Sohn noch verlassen konnte, durch ein umherfliegendes Eisenstück ein Auge.

Fünf Jahre (1950) nach diesem schlimmen Unglück schreibt der Chronist: Die Explosion forderte insgesamt 33 Todesopfer, worunter sich Männer, Frauen, Kinder und ganze Familien befanden. Sie wurden von den hochgehenden und berstenden Granaten so schrecklich zerfetzt und verstümmelt, dass die Bergung der Leichen nur unter den schwierigsten Umständen möglich war. Vier Leichen konnten nicht identifiziert werden.

Die Verstorben wurde mit Pferdefuhrwerken zum evangelischen Friedhof gebracht und dort in der Leichenkapelle zur Identifizierung aufgebahrt, bevor sie dann in einem Massengrab beigesetzt wurden.

Die schreckliche Bilanz des 16. Juni 1945: 33 Tote, viele Verletzte und Schäden in Millionenhöhe an den Gebäuden.

Doch das Unglück hätte ohne den Einsatz von drei mutigen Eisenbahnern unzählige weitere Todesopfer gefordert und Sarstedt wäre möglichweise dem Erdboden gleichgemacht, wenn nicht quasi in letzter Sekunde verhindert worden wäre, das 99 mit Luftminen beladene Waggons in die Luft fliegen. Seit Tagen schon standen die Waggons unbewacht zwischen dem Bahnübergang Giebelstieg bis Höhe der Vosswerke. Die Besatzungsmacht hatte alle vorgefundenen Munitionsbestände auf Waggons verladen und bis zur endgültigen Vernichtung, die auf Helgoland erfolgen sollte, unter anderem auch hier abgestellt.

Inmitten explodierender Infanteriemunition, umgeben von pfeifenden Grantsplittern und den Toten zwischen den verbogen und aufgerissenen Gleiskörpern, behielten die Lokführer Karl Bornemann, der Eisenbahner August Knoke und der Heizer Hermann Schwerdtfeger die Übersicht. Karl Bornemann und Hermann Schwerdtfeger erkannten schnell die Situation und führen ihre Lok über eine Weiche auf das Kaligleis direkt vor den Munitionszug und wollten die gefährliche Fracht aus der Stadt ziehen. Inzwischen jedoch frisst sich das Feuer von Waggon zu Waggon weiter. Die Wagen mit den hochexplosiven Seeminen und Torpedos sind zum Glück noch unbeschädigt.

Unter größter Lebensgefahr rennt August Knoke an der langen Reihe der Munitionswaggons entlang, obwohl der Bahnhofsvorsteher sein Vorhaben abgelehnt hatte, begibt er sich in den Gefahrenbereich. Es gelingt ihm 16 Waggons abzukuppeln. Unterwegs wird Knoke vom Luftdruck einer weiteren Explosion mehrere Meter durch die Luft geschleudert und bleibt für Sekunden benommen liegen. Dann rennt er zurück und springt in den Führerstand. Langsam setzt sich der Zug in Bewegung und konnte so aus dem Gefahrenbereich heraus fahren bis zu einem unbenutzten Gleis bei der Rethener Zuckerfabrik. Wenig später fuhr die Lok abermals in den Gefahrenbereich um neunzehn vom Feuer bedrohte Treibstoff-Kessenwagen herauszuholen.

Den Herren Bornemann, Knoke und Schwerdtfeger ist es letztlich durch ihren selbstlosen, mutigen, waghalsigen Einsatz zu verdanken, das durch das Abkoppeln der Wagen und das Herausfahren der Treibstoff-Kesselwagen, Sarstedt von weiteren großen Schäden verschont geblieben ist.

In Anerkennung für ihren entschlossenen Einsatz und für ihr mutiges Handeln wurde der Bahnhofs-Vorplatz im Jahre 1990 nach August Knoke benannt und Hermann Schwerdtfeger wurde am 12.12.1989 das Ehrenbürgerrecht der Stadt Sarstedt verliehen. Karl Bornemann verstarb bereits im Jahre 1963 und hat leider eine Würdigung durch die Stadt Sarstedt in dieser Form nicht mehr bekommen.

Über die Ursache der Explosion besteht bis heute keine Klarheit was diese ausgelöst hat. Zeitzeugen haben zur Unglückszeit Menschen über ein Feld weglaufen sehen, andere wiederum berichten von einer gefundenen Zündrolle. Erste Mutmaßungen sprachen daher von Sabotage durch Zwangsarbeiter, die sich für die Verbrechen der Nazis rächen wollten.

Alles wird in Frage gestellt durch einen Unfallbericht des Reichsbahn-Betriebsamtes Hildesheim. Hiernach explodierte nicht einer der abgestellten Munitionswaggons zuerst, sondern der mitgeführte Munitionswagen aus Hildesheim.

Zur Erinnerung an den 60. Jahrestag und zum Gedenken an die Verstorbenen wurde am Bahnhofsgebäude eine Gedenktafel angebracht. Zu jener Stunde läuteten die Glocken der St. Nicolai Kirche, der Heilig Geist Kirche, der St. Paulus Kirche und der Martin-Luther Kirche in Giften.

Werner Vahlbruch, Stadtheimatpfleger